Die politische Schönheit der Anderen im Selbst

von Julius Wolz

In seinem Vortrag „L’autre cap“ stellte Jacques Derrida 1990 die Frage, was dieses sogenannte Europa eigentlich ist (1). In ihren jeweiligen Beiträgen haben AKK und Gökcan Göksu Fragen der europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik aufgegriffen. Derridas Frage scheint mir für eine Annäherung an das Thema von zentraler Bedeutung zu sein. Mir geht es dabei weniger darum zu klären, ob es adäquat ist, die europäische Union als „normative power“ zu verstehen, sondern um eine fundamentalere Infragestellung unseres alltäglichen Verständnisses. Es mag sein, dass die eine oder andere ein solches Unterfangen eher in den Bereich der politischen Theorie einordnen würde. Nichtsdestotrotz bin ich der Überzeugung, dass auch unsere Auffassungen internationaler Politik, insbesondere in Bezug auf den Umgang mit jenen, die „wir“ als „andere“ wahrnehmen davon profitieren können.
In seinem Aufsatz beginnt Derrida mit zwei Axiomen. Das erste ist ein Axiom der Endlichkeit: Als Europäer_innen sind wir jünger denn je, da ein bestimmtes Europa noch nicht existiert. Gleichzeitig sind wir aber auch als junge Menschen bereits erschöpft. Dieses Axiom bringt die Frage nach dem Umgang mit dem europäischen Erbe mit sich, zu welcher ich später zurückkommen werde. Das zweite Axiom, jenes der Unendlichkeit ist an dieser Stelle wichtiger. Dieses Axiom bezieht sich sowohl auf Identität im Allgemeinen, als auch auf die Identität Europas im Spezifischen(2) und ist es wert zitiert zu werden:
What is proper to a culture is to not be identical to itself. (…) to be able to take the form of a subject only in the non-identity to itself or, if you prefer, only in the difference with itself [avec soi]. There is no culture or cultural identity without this difference with itself.”(3)
Um zu verstehen, was Derrida hiermit meint, lohnt sich ein Blick in Edward Saids Lesart von Sigmund Freuds Spätwerk „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“. In Saids Interpretation repräsentiert die Figur des Moses die nicht-jüdischen Ursprünge des Judentums. Moses war Ägypter und anders als die Menschen, die ihn als ihren Anführer annahmen; jene Menschen also, die Juden wurden und die Moses später als sein Volk geschaffen zu haben scheint(4). In seiner Archäologie jüdischer Identität pochte Freud demnach darauf, dass diese nicht mit sich selbst, sondern mit anderen (ägyptischen und arabischen) Identitäten begann.
Etwas verkürzt kann man sagen, dass sowohl für Said als auch für Derrida die fundamentale Krise Europas in der Unfähigkeit besteht, sich dem Nicht-Europäischen mit der nötigen Offenheit anzunähern. Für beide bedeutet europäisch (sein) immer auch zugleich bereits nicht-europäisch (sein)(5) . Für Derrida ist das antike Griechenland der Geburtsort Europas (welches er nicht als geografische Einheit interpretiert). Um die nicht-europäischen (oder besser nicht-griechischen) Elemente im Denken des antiken Griechenlands zu diskutieren fehlt hier der Raum (6), nichtsdestotrotz ist es wichtig zu betonen, dass für Derrida die antiken Griechen sich selbst nie erfassten oder sich nie mit sich selbst identifizierten (7) . Das heutige Europa steht in einer Beziehung des Erbes zu dem Denken des antiken Griechenlands, womit ich zu Derridas erstem Axiom (dem Axiom der Endlichkeit) zurückkomme. Wir tragen die Verantwortlichkeit für dieses Erbe, eine Verantwortlichkeit, die wir nicht wählen, sondern die sich uns auferlegt (8) , denn sein bedeutet erben und erben ist nie gegeben, sondern immer eine Aufgabe (9).
Wie also kann Europa die Aufgabe dieses Erbes angehen? Verantwortung für dieses Erbe zu übernehmen bedeutet die Offenheit des Konzepts Europa in Beziehung zum Anderen, Nicht-Europa zu wahren. Gleichzeitig gilt allerdings zu bedenken, dass dieses Europa historisch nie existiert hat (und wohl auch nie existieren wird), was Europa somit auch zu einem Projekt der Zukunft macht. An dieser Stelle lässt sich der Übergang zur Debatte über Asyl- und Flüchtlingspolitik machen. Im Juni erzeugte das Zentrum für politische Schönheit, eine künstlerische „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“ (10) für mediale Aufmerksamkeit in Deutschland gesorgt. Mit ihrer Aktion „Die Toten kommen“, im Rahmen derer sie eine Mutter (und ihr nicht aufgefundenes Kind), die bei ihrer Einwanderung nach Europa auf Grund der europäischen Abschottungspolitik im Mittelmeer ertrunken und als „unbekannt“ in Sizilien verscharrt wurde, in Berlin beerdigten und einen Demonstrationszug vor das Bundeskanzleramt organisierten, während dem Teilnehmende über hundert Gräber auf der Grünfläche vor dem Bundestag aushoben. Indem sie durch die Beerdigung versuchten, „den gescheiterten Einwanderern die Würde zurückgegeben, die unsere Abschottungspolitik ihnen raubte“ (11), machten die Künstler_innen des Zentrums die Präsenz der Anderen im europäischen Selbst deutlich. Wie aus der Diskussion Derridas deutlich geworden ist, lässt sich Europa nicht ohne Nicht-Europa denken. Die Anderen sind konstitutiv für das europäische Selbst, sie stehen bereits am Beginn Europas, waren immer da und sind nicht etwa Neuankömmlinge – wie einige der Diskussionen von Hoyerswerda in den frühen 1990er Jahren bis hin zu Pegida im Jahr 2015 immer wieder behaupten. Dies deutlich zu machen ist Teil der Aufgabe, die mit dem europäischen Erbe einhergeht.

Verweise:

[1] Derrida, Jacques 1992. The Other Heading: Reflections on Today’s Europe. Indiana: University Press.

[1] Gasché, Rodolphe 2009. Europe, or the Infinite Task: A Study of a Philosophical Concept. Stanford: University Press.

[1] Derrida. The Other Heading, S. 11.

[1] Said, Edward W. 2014 Freud and the Non-European. London: Verso.

[1] Isin, Engin F. 2014. We, the Non-Europeans: Derrida with Said. In: Agnes Czajka und Bora Isyar (Hrsg.) Europe after Derrida: Crisis and Potentiality. Edinburgh: University Press.

[1] Für eine ausführlichere Diskussion siehe z.B. Bernal, Martin 1987. Black Athena: The Afroasiatic Roots of Classical Civilisation. Volume 1: The Fabrication of Ancient Greece 1785-1985. New Brunswick: Rutgers University Press und Amin, Samir 1989. Eurocentrism. New York: Monthly Review Press.

[1] Derrida, Jacques 2010. We Other Greeks. In: Miriam Leonard (Hrsg.) Derrida and Antiquity. Oxford: University Press.

[1] Derrida. The Other Heading, S. 28.

[1] Derrida, Jacques 1994. Specters of Marx: The State of Debt, the Working of Mourning and the New International. New York: Routledge.

[1] http://www.politicalbeauty.de/Zentrum_fur_Politische_Schonheit.html

[1] https://www.indiegogo.com/projects/die-toten-kommen#/story

Ein Gedanke zu „Die politische Schönheit der Anderen im Selbst“

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